Sind dann mal weg

Der Norden Perus

In Lima kommen wir wieder im selben Hostel unter wie die letzten beiden Male. Zu unserer Überraschung treffen wir hier auf lauter bekannte Gesichter. Roman, den wir in San Pedro kurz getroffen hatten, gemeinsam mit Freundin Huma und Kollegin Karin unterwegs; ausserdem treffen wir auf Oskar, den wir in Salta getroffen haben und auf dessen Rat wir die argentinische Seite der Atacama-Wüste bereist haben (und umkehren mussten wegen zu viel Schnee). Die Overlander-Szene ist überschaubar und besteht hauptsächlich aus Deutschen, Schweizer, Franzosen und Österreichern (in dieser Reihenfolge)… So kommt es, dass wir am Tag von Peru’s WM-Qualifikation die Stadt gemeinsam mit sieben andern Schweizern unsicher machen und uns ins Getümmel von feiernden Peruanern stürzen. Ob es in Bern auch so feierlich zu und her ging ist, als sich die Schweiz qualifiziert hat? Wir wagen zu bezweifeln… Ist aber auch was anderes, die letzte WM-Teilnahme Perus liegt 35 Jahre zurück…

Nach drei Tagen verlassen wir Lima in Richtung Norden. Mit Roman und Karin verabreden wir uns in Huaraz, da sie auch in Richtung Norden unterwegs sind. Im letzten Moment beschliessen wir eine Routenänderung. Statt auf der Panamericana der Küste entlang zu fahren, stechen wir direkt nach Lima ins Landesinnere und fahren hoch in die Berge. Unsere Routenwahl zum Bosque de Piedras (Steinwald) erweist sich als suboptimal. Zwar hat unsere Strasse auf der Karte gut ausgesehen, aber auf das Kartenmaterial ist leider nicht immer Verlass. Schnell wird aus der Asphalt-Strasse eine rumplige Holperpiste. Im Zickzack umfahren wir die Gräben, Dellen und Löcher so gut es geht. Mit dem einsetzenden Regen wird die Strasse zusätzlich schlammig und rutschig. Uns bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder Hoffen, dass wir nicht irgendwo hängen oder stecken bleiben. Im „Wohnbereich“ fliegen Tische, Stühle und Wasserkanister umher. Letzterer beginnt auszulaufen und setzt mal eben unser Wohnzimmer unter Wasser. Zwangspause, begleitet von lautstarkem Fluchen. Der Regen wird stärker und plötzlich topft es von oben an der Windschutzscheibe ins Innere… Zwangspause. Fluchen. Etwas später fahren wir uns im nassen Geröll fest. Hätten wir doch besser die rechte Schlammspur gewählt… Zwangspause… und ihr wisst schon. Erst kurz vor dem Eindunkeln erreichen wir wieder eine Schotterstrasse die ihren Namen verdient. Die letzten 20 Kilometer sind sogar geteert. Es ist bereits dunkel, als wir im strömenden Regen an unserem Ziel – Bosque de Piedras – ankommen. Von 0 auf 4’100 m.ü.M. in einem Tag. Wir sind fix und fertig.

Am folgenden Morgen scheint die Sonne. Nichts erinnert mehr an den dunkeln verregneten Ort vom Vorabend. Um uns herum: grüne Wiesen und Steinformationen ohne Ende. In dieser Idylle frühstücken wir gerade, als die Bauernfamilie etwa hundert Meter neben unserem Stellplatz damit beginnt ein Lama zu schlachten. Verzweifelte Schreie ertönen, deren Echo im Tal verhallt. Eine ganze halbe Stunde dauert das Prozedere…

Nach dem Frühstück mit Nebengeräuschen unternehmen wir eine kurze Wanderung durch die wunderschöne Landschaft. Aufgrund der Höhe kommen wir nur langsam voran. Vielleicht wäre ein bisschen Anklimatisation nicht das dümmste gewesen. Nach dem Spaziergang nehmen wir noch ein paar Kilometer unter die Räder. Zuvor noch kurz den Kühlwasserstand geprüft und festgestellt, dass wir gar kein Kühlwasser dabei haben um nachzufüllen. Clever…

Die kurze Fahrt nach Huanuco verläuft ohne Probleme auf einer perfekten Asphalt-Piste. Fast ohne Probleme. Auf halbem Weg übersieht Manuel einen Bump (Verkehrsberuhigung olé). Mit 60 km/h verwandelt sich dieser in eine Schanze und wir fliegen einmal durch den peruanischen Luftraum bevor wir unter fluchen zum Stillstand kommen. Kurzer Kontrollrundgang: nichts scheint kaputt gegangen zu sein. Nochmals Glück gehabt… In Huanuco geht Manuel als erstes Kühlwasser für Schnurrli kaufen.

An einem normalen Tag: Motorhaube auf, Kühlwasser rein, Motorhaube zu. Ende der Geschichte.
Heute: Motorhaube auf, „Gopfetammisiechnomol wo isch de Chüelwasserdeckel?!“
Wenns läuft, dann läufts. Wohl bei Bosque de Piedras liegen gelassen… Also einen Kühlwasserdeckel suchen. Gut, dass sich gleich 20 Meter nebenan eine Autogarage befindet. Natürlich haben die nichts passendes auf Lager. Sei schwierig zu finden hier, meinen sie, und basteln mit einem Plastiksack und einem Stück Gummi einen provisorischen Deckel. Manuel ist skeptisch, steht doch eine Fahrt von 1’800 m.ü.M. auf 4’900 und wieder runter auf 3’000 auf dem Programm. Nicht unbedingt die perfekte Lösung, findet auch unser Auto-Telefonjoker Kevin. Und so verbringen wir am Folgetag die ersten drei Stunden damit, einen passenden Ersatz zu finden. Am Mittag nehmen wir mit neuem Kühlerdeckel und 50 Soles (15 Franken) weniger in der Tasche (ja, der Verkäufer erkannte unsere Notlage und nutzte sie gekonnt aus) die restlichen 315 Kilometer nach Huaraz unter die Räder. Und irgendwie passt es ins Bild der vergangenen Tage, dass uns bei Schneefall auf etwas über 4500 Metern die Heizung aussteigt…

In Huaraz treffen wir Roman und Karin wieder. Die beiden sind einen Tag nach uns losgefahren, haben den direkten Weg der Küste entlang genommen und wurden abends auf dem Campingplatz überfallen. Es hätte uns also durchaus schlimmer treffen können als ein bisschen schaufeln, fluchen und Kühlerdeckel suchen… Wir bleiben zwei Tage in Huaraz um uns zu sammeln, die kaputt gegangenen Dinge zu reparieren und die gemeinsame Weiterreise zu planen.

Huaraz ist bekannt als Kletter- und Wanderparadies. Die Cordillera Blanca, an deren Fuss Huaraz liegt, ist mit über 50 Bergen über 5700 Metern die höchste Gebirgskette Amerikas. Zahlreiche Bergseen können zu Fuss oder über kilometerlange Schotterpisten erreicht werden. Einen ersten Ausflug unternehmen wir zur Laguna Churup. Hoch über Huaraz liegt der Parkplatz, von dem man in einer 2h-Wanderung zur Laguna Churup gelangt. Nach einem entspannten Grillabend mit Shisha (Roman ist mit Shisha unterwegs. Guter Typ.; Anm. v. Manuel) legen wir am Folgetag die rund 650 Höhenmeter zurück. Die Belohnung ist ein äusserst fotogener Bergsee praktisch keinen Touristen.

Als wir am späteren Nachmittag wieder bei den Autos sind, zieht gerade ein Unwetter auf. Wir verwerfen unseren Plan, nochmals eine Nacht hier stehen zu bleiben und machen uns aus dem Staub ins rund 70 Kilometer entfernte Caraz. Auf dem Campingplatz treffen wir erneut auf bekannte Gesichter und legen erstmal einen Ruhetag ein.

Beim abendlichen Pizzaplausch bleiben die einen ein wenig lange am Feuer sitzen, so dass der Ausflug am nächsten Tag zur Laguna 69, der Hauptattraktion in dieser Gegend, erst am Nachmittag beginnt. Als uns der Guard eröffnet wir müssten ein 21-Tagesticket kaufen um nahe der Laguna zu übernachten, beschliessen wir, woanders zu übernachten. Am nächsten Morgen merkt Manuel, dass der Keilriemen Auflösungserscheinungen zeigt. Gemeinsam mit Roman wird an Ort und Stelle der Keilriemen ausgewechselt. Als wir wenig später zur Laguna 69 aufbrechen schaffen wir es gerade mal knapp 2 Kilometer, bevor der neue Keilriemen hinüber ist. Abbruch der Übung und zurück nach Caraz in die Werkstatt. Ein Service war sowieso mal wieder nötig…

Mit der Laguna 69 haben wir nach zwei misslungengn Anläufen inzwischen abgeschlossen und fahren stattdessen mit unserem reparierten Auto zur Laguna Paron. Ebenfalls ein wunderschöner Bergsee, bei dem man sogar direkt ans Wasser fahren und campen kann.

Gerne würden wir ein wenig länger in dieser Region bleiben, jedoch müssen wir uns ein wenig beeilen, da Schnurrli spätestens am 6. Dezember das Land verlassen haben muss. Aus diesem Grund und weil man über die Küstenregion im Norden Perus vorwiegend negative Berichte hört, fahren wir von Caraz über die Berge weiter und visieren den östlichsten Grenzübergang von Peru nach Ecuador an.

Nach Caraz beginnt der Cañon del Pato. Wo früher eine Eisenbahnlinie war, führt nun eine enge Strasse mit zahllosen Tunnels die höher sind als breit durch die Schlucht. Auch der restliche Weg nach Cajamarca führt durch ein wunderschönes Gebiet, sodass wir unsere Routenwahl zu keinem Zeitpunkt bereuen.

Von einem anderen Overlander haben wir den Tipp erhalten, dass es bei Cajamarca einen warmen Wasserfall geben soll. Da die Recherche im Internet und Reiseführer nicht erfolgreich war, haben wir uns die Koordinaten aufschreiben lassen. Als wir eintreffen, werden wir von einer äusserst unfreundlichen Anwohnerfamilie begrüsst. Wir dürfen dennoch da übernachten und gegen Bezahlung ein Bad beim sagenumworbenen heissen Wasserfall nehmen. Das Wetter ist einmal mehr bescheiden. Kühl und neblig. Umso schöner ist das Bad im herrlich warmen Wasser…

Unser nächstes Ziel sind die Ruinen von Kuélap. Die Schätzungen über deren Erbauung reichen vom Jahre 800 bis zurück um das Jahr 0. Dagegen ist der Machu Picchu (15. Jahrhundert) ein Neubau… Eine Seilbahn auf den Gipfel, wo die Ruinen stehen, ist seit einigen Monaten in Betrieb, Touristen verirren sich aber nur in geringer Anzahl in diese Region. Noch…

Das Wetter ist – wie schon beim Machu Picchu – am Morgen regnerisch. Nach einem Kaffee sieht die Welt dann (wie immer) schon ein wenig besser aus. Vereinzelte Nebelschwaden durchziehen die Ruinen und sorgen gemeinsam mit den zahlreichen Bäumen dazwischen für eine mystische Stimmung.

Nur einige Kilometer nördlich befindet sich unser nächster Halt, beim Gocta-Wasserfall. Mit seinen 771 Metern einer der höchsten Wasserfälle der Welt. Wir campen mitten im gemütlichen Dorf Cocachimba, zwischen Fussballplatz und Tourismusbüro. Die Wanderung zum Wasserfall unternehmen wir erst am Folgetag. Diesmal sind wir (Patricia, Manuel und Roman) in Begleitung von zahlreichen Schulklassen, die hier auf Abschlussreise sind. Nach einem Bad beim Wasserfall müssen Manuel und Roman zuerst noch einige scheue Fotowünsche erfüllen. Danach ist der Bann gebrochen und bis wir wieder loswandern sind wir auf den Smartphone-Speichern von etwa 100 Teenagern verewigt…

Beim nächsten Stellplatz ist für einmal die Internetverbindung das Hauptkriterium. Grund: Am Sonntag findet zufälligerweise das Duell zwischen dem FCSG und dem FCZ statt. Schon seit Tagen ist das verbale Vorgeplänkel zwischen Roman (FCZ-Fan) und Manuel im Gang. In einem Hotel mit einigen Stellplätzen für Camper direkt am Pool werden wir fündig. Und so sitzen wir am Sonntagmorgen um 10 Uhr mit Bier und Erdnüssen zu viert vor dem TV und schauen Fussball. Der FCSG geht unter und Manuel muss sich für den Rest des Tages Sprüche anhören.

Das Klima ist inzwischen wieder tropisch und wir geniessen die Poolanlage des Hotels einen weiteren Tag. Dies hat einen Auftritt in einem Tourismusfilm zur Folge, der zufällig an diesem Tag gedreht wird. Was wir nicht alles machen für ein Bier…

Nun heisst es aber, vorläufig Abschied nehmen von Peru. Unser Fahrzeug-Permit läuft am 6.12. aus. Pünktlich am 5.12. passieren wir die Grenze nach Ecuador. Der Norden von Peru wird uns für die wunderschönen Landschaften, Wanderungen und Stellplätze in bester Erinnerung bleiben. Vorläufig deshalb, weil wir nochmals einen Abstecher an die nördliche Küste Perus machen werden…

Die Peru-Videos findet ihr hier.


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